Mittwoch, 29. Oktober 2008

Wer geht voran?

Es wird heute viel über Führungskräfte gesprochen - sie können durch ihre Machtposition und ihre Entscheidungen ganze Firmen zum Erfolg führen oder auch ruinieren. Auch in den Kirchen und Gemeinden hat sich ein ähnliches Muster etabliert - hier spricht man dann von Kirchenleitung, Leiterschaft o.ä. - früher waren das mal Älteste oder Hirten und das halte ich für eine viel bessere Bezeichnung - "nomen est omen".

Wer wird der Erste sein, wer wird der Grösste sein, lass uns neben dir sitzen auf deinem Thron, wir arbeiten doch schon den ganzen Tag... Die Antworten fallen durch die Bank enttäuschend aus: Die Letzten, die Niedrigsten, die Dienenden ohne jeden Anspruch, die sich selber erniedrigen, die Arbeiter ohne Anerkennung - sie alle werden vom Vater erhöht werden, Posten gibt es in Gottes Reich keine zu verteilen - wohl aber Dienste und Gaben.

Woher kommt nur dieser Versuch, dieser Anspruch oder auch das Bedürfnis Führung zu übernehmen und zu akzeptieren? Abgesehen davon, dass solche Strukturen schnell nicht nur geistl. nach hinten losgehen, weil sie in einem "Leitung und Geleitete System" erstarren, sind auch die Führenden oft selber völlig überfordert: Was, wenn ich heute versage - wird alles so laufen, wie geplant - wird es bei den Leuten ankommen, was ich ihnen biete - werden Erwartungen und Ansprüche erfüllt? - "burnout" vorprogrammiert...

"...und wenn einem anderen etwas offenbar wird, so schweige der erste." - wo wird das denn tatsächl. praktiziert?

Wo ist Gemeinde wirklich Gemeinschaft der Gläubigen auf Augenhöhe, wo gibt es keine Ranglisten (i.d.Köpfen) und werden die Unbedeutenden nach vorne gebeten, wo wird dem Wirken des Geistes der ganze Raum geboten vor aller Planung, Lithurgie oder Traditionen und Gewohnheiten? Wo geht es in allererster Linie darum "Jesus mitten unter uns" zu erleben, zu erkennen und ihm die Führung zu überlassen? Wo fallen gelegentl. Leute von der Fensterbank, weil die Zusammenkunft so heftig oder die Predigt so inspiriert ist, dass sie sich bis tief i.d.Nacht hinzieht? Wo wird denen auf der Durchreise Gehör geschenkt, völlig ungeachtet ihrer Herkunft? - "..wir wollen hören, was du zu sagen hast!"

Wo ist die Liebe untereinander und die Hingabe so mitreissend und stark, dass jeder sich eingeladen fühlt und angezogen wird? Wo rechnen wir mit dem konkreten Eingreifen von Gottes starkem Arm, wo mit seinen übernatürlichen Machterweisen, mit wackelnden Wänden, Gefängnistüren die auffliegen, Blinden die sehen, Lahmen die gehen und Tauben die hören - sowohl im übertragenen, als auch im wörtlichen Sinn?

Wo kommen wir deswegen zusammen?

Wenn du in so einer Gemeinde bist, danke Gott auf Knieen und sag mir bescheid - ich komme sofort vorbei!

Wenn nicht (oder nicht so ganz), dann setzte alles daran, dass es so wird!

Fange selber damit an, warte nicht ob jemand voran geht -

JESUS GEHT VORAN und

der HEILIGE GEIST FÜHRT!!

***

Kommentare:

Stef hat gesagt…

Gutes Thema und gute Gedanken!
Ich habe eine solche Gemeinde, die Du beschreibst auch noch nicht gefunden ;-)

Ich habe aber noch ein paar allg. Anmerkungen hierzu:

Oft denkt man, dass es in einer Gemeinde überhaupt keine Leiter mit Autorität geben dürfe und verweist auf die bereits von Dir angedeuteten Bibelstellen (oder auf den Begriff "allgemeines Priestertum", der leider so in der Bibel weder drinsteht, noch die Bedeutung hat, die Viele ihm heute geben).

Jesus sagt nicht, dass Gemeinde keine Leitung mit Autorität haben darf, sondern dass Leitung nicht in weltlicher Weise durch "Herrschen ohne Liebe" ausgeführt werden darf. Leiten heißt Dienen, aber deshalb nicht gleich zwingend ohne Autorität.

Paulus hatte als Apostel sicherlich eine Autorität von Jesus bekommen, obwohl Paulus ganz offensichtlich der Diener aller war. Und er hatte seine Autorität auch nie in weltlicher Weise ausgenützt. Er hat sich trotz seiner Berufung als "einfacher Christ" verstanden. Dennoch hatte er Leitungsbefugnis.

Auch die späteren "Hirten" hatten Leitungsbefugnis. Sie sollten zwar demütig Leiter sein (und deshalb auf "Augenhöhe" mit den Mitchristen", aber geistlich hatten sie eine Leitungsaufgabe mit Autorität, denen sich die Mitchristen unterordnen sollten (siehe Hebräer-Brief.

Zweiter Punkt:
Die ersten und noch sehr jungen Gemeinden waren sicherlich so wie Du beschrieben hast: sehr dynamisch (teilweise chaotisch), stark auch vom Hl. Geist bestimmt (Zungenrede, Weissagungen, Prophetien, noch recht ungeordneter "Gottesdienst" etc.).

Klar ist, dass auch heute die Gemeinden (geistlich) dynamisch sein sollten und nicht starr und tot. Dennoch sollte man m.E. nicht die Urgemeinden als ein 1:1-Vorbild für die heutigen Gemeinden hernehmen.

Denn Paulus hatte bereits in seiner Zeit damit angefangen, "Ordnung" in seine gegründeten Gemeinden zu bringen. Durch Einsetzung von Ältesten z.B. Und später (nach dem NT) kann man in der Kirchengeschichte sehen, dass die Ordnung (nach den ersten Verfolgungswellen) weiter zunimmt.
Nur so kann (mittlerweile meiner Meinung nach; ich dachte früher anders) auch eine sehr große Kirche Einheit bewahren.

D.h., nicht alle Entwicklungen, die zur "katholischen Kirche" geführt haben sind m.E. schlecht oder gleich "unbiblisch". Denn die Bibel beschreibt ja nur die ersten Gemeinden und lässt vielfach offen wie diese sich weiter entwickeln sollen bzw. können.

Kurzum: Vollkommen "dynamische" Gemeinden ohne große Ordnung (wie Du sie beschreibst) funktionieren m.E. nur im Kleinen. Große Gemeindeverbünde werden vermutlich nur mit mehr Ordnung und damit mit einer gewisser Starrheit funktionieren können. Solange der Geist Gottes und die Liebe in diesen Gemeinden weiter lebt ist das m.E. aber auch kein Problem.

Das Problem das wir heute haben ist m.E.:
1. unzureichende, gesunde christliche Lehre UND Erziehung
2. mangelnde echte Liebe

Bento hat gesagt…

Hi Stefan,
vielen Dank für deinen Kommentar und die vielen bereichernden Anmerkungen!

Nun, dies ist wohl mein Post mit den meißten Fragezeichen drin... mir geht es hier auch nicht darum Leitung abzuschaffen und dann wird alles gut. ;-)
Die Frage, die uns doch alle bewegt, ist: Wie kann tödl. Erstarrung vermieden werden.
Hier sehe ich den Kampfplatz zwischen menschl. verständl. Bedürfnissen Strukturen zu schaffen und dem Geist Gottes selber, der schon von Anbeginn an über dem Chaos schwebt um es zu ordnen ;-))
Gottes Geist ist aber m.E. nicht "berechenbar" und somit stellt sich die Frage, wollen wir einen kontrollierbare Gemeinde oder schaffen wir Raum und erwarten das Unerwartete?

Überregionalen Kirchenstrukturen sind dabei aus meiner Sicht wirkl. oft ein enormner Hemmschuh und ich finde wirkl. kein bibl. Vorbild dafür.

Autorität ist so gesehen nicht eine Sache der Kompetenz, sondern der Inspiration und das wird viel zu oft übersehen. Ich weis auch, dass viele kompetente Leute darunter zu Leiden haben, dass man sie zu "ihrem König" machen möchte... ich unterstelle hier also keine spez. Machtergreifungs-Mentalität sondern möchte eben grade die Leitungsbefugnis jedes "einfachen Christen" herausstellen - wenn Gottes Gabe in ihm lebendig ist - und das hängt imho recht viel mit der Gemeindestruktur zusammen...

Unterordnung halte ich überall (ob in Ehe oder Gemeinde) zuerst gegenüber Gottes Willen für nötig und dann "einer ordne sich dem anderen unter", damit alle Gaben zur vollen Blüte kommen.

ok - es ist ein riesen Thema, habe in die allg. Diskussion auch nur ein paar bentonische Anmerkungen geschmissen ;-)

Eigentl. sollte der Post in eine ganz andere Richtung gehen, aber dann hab ich mich vom Geist leiten lassen :-)... musste sogar ein neues Label dafür installieren - Gemeinde ist wirkl. nicht mein Spezialgebiet, aber wie ich ja weiß, brennt es ja bei dir...

Segen!

Apassionata hat gesagt…

Wer leiten will oder dazu berufen wird, der muß sich in den Dienst stellen lassen. Auch wenn er das Sagen hat, ist er ein Diener aller. Ich habe mit Leitung Erfahrung und mein Anliegen war, daß die Patienten sehr gut versorgt waren und meine Untergebenen sich bei mir wohl fühlten. Jetzt arbeite ich seit meiner Kinderpause schon wieder etliche Jahre und bin froh nicht leiten zu müssen. Als Omegatierchen fühle ich mich auch wohl. In geistlicher Hinsicht ist man erst recht Diener aller. Man lese nur die besorgten Paulusbriefe.(Galater mit dem Verschnippeln ist andersartig.) In der Gemeinde hat die Leitung meines Erachtens die Aufgabe die Gaben aller gut zu ein Ganzes Gemeinsames zu integrieren. Letztendlich ist alles Gabe, Jesus ist Haupt, wir alle Glieder.